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Chinarindenbaum

Eine Pflanze verändert die Welt: Der Chinarindenbaum

Die Entdeckung und Namensgebung 

Der Chinarindenbaum stammt nicht, wie häufig angenommen, aus China. Der Name leitet sich ab aus dem Quechua (Sprache der indigenen südamerikanischen Bewohner) und zwar von krina krina (Quina Quina) = Rinde der Rinde.
Bereits 1631 gelangte ein Päckchen der Rinde des Chinarindenbaumes von Lima (heutige Hauptstadt von Peru) durch einen Jesuitenpater nach Rom. 1638 erkrankte die Gräfin del Chinchon, Gattin des spanischen Vizekönigs Don Luis Fernandez de Cabrera Bobadilla y Mendoza von Chinchon, während eines Aufenthaltes in Lima an Malaria und konnte durch krina krina gerettet werden. So erhielt der Wirkstoff den Namen Chinin.
1709 veröffentlichte der Italiener Francesco Torti ein umfassendes Werk über die Krankheit „Wechselfieber“. Torti sah die Ursache des Fiebers in der schlechten Luft, daher stammt der italienische Name Mal`aria = Malaria. Alle Kolonialisten waren sehr stark daran interessiert, Cinchona in ihren tropischen Kolonien anzubauen. Der Gattungsname, den Linné 1742 vergab, trägt den Namen der Gräfin Chinchon. In der nachfolgenden Zeit hatten die Jesuiten ein Monopol auf die Vermarktung von Chinin. Der Preis für ein Pfund Chinarinde betrug ein englisches Pfund, ein Wert von heutigen 180 €. Diese Medizin konnten sich nur die Reichen leisten. Das florentinische Dominikanerkloster soll im Jahre 1659 erstmals ein China-Elixier aus der Chinarinde hergestellt haben. Dieses fiebersenkende Mittel hat die Therapiegeschichte revolutioniert. Ludwig der XIV (1638 bis 1715) mischte sich in die Geschäfte ein und da alles, was aus Frankreich kam, damals als modern galt, gelangte Cinchona auch nach Britannien. In ganz Europa gab es noch Malariagebiete, auch Friedrich Schiller (1759 -1805) und Albrecht Dürer (1471-1528) waren an Malaria erkrankt. In Südamerika kam es zu einem regelrechten Raubbau der Rinde, mit dem Ergebnis, dass kein Baum das Schälen überlebte. 1795 mahnte Humboldt den Raubbau an Chinarinde in den südamerikanischen Ländern an.

Beschaffung und Kultur

1704 sollte Charles Plumier (Künstler, Mönch und Botaniker) im Auftrag von Ludwig XIV eine Reise nach Südamerika antreten, um den Chinarindenbaum zu erforschen und nach Frankreich zu holen, Plumier starb jedoch kurz vor Beginn der Reise. (Namensgeber für Plumaria = Frangipani) Dann reiste Joseph Jussieu über die Westküste nach Peru und Amazonien. Joseph de Jussieu verfasste im Jahre 1737 einen Bericht über Cinchona officinalis. Der Mathematiker und Geograf Charles Marie de La Condamine, der mit Jussieu gemeinsam reiste, veröffentlichte in Paris dessen Bericht unter seinem Namen. Jussieu blieb 36 Jahre in Peru, um die Früchte seiner Arbeit betrogen. In den Jahren 1820 bis 1850, während der Unabhängigkeitskriege in den fünf Andenrepubliken, waren die Länder nur unter sehr großen Schwierigkeiten zu bereisen. Es gab zu dieser Zeit keine nennenswerten Expeditionen. Richard Spruce bereiste 1849 Südamerika von der Ostküste, den Amazonas flussaufwärts. Den Auftrag hatte er von den königlichen Gärten Kew in London. 1850 entschieden die Briten, dass eine gesicherte Versorgung mit Chinin in den Kolonien vonnöten sei. 1857 erreichte Spruce der Befehl, er solle Cinchona pubescens suchen. Er sammelte ca. 100.000 Samen, aus denen ca. 600 Pflanzen gezogen wurden. Diese waren der Grundstein für die ersten Plantagen. 1859 gelang es auch Clements Markham die Kultur mit Erfolg zu betreiben. 1860 erhielt Kew Garden eine stattliche Summe zum Bau von Gewächshäusern, um tropische Arten (auch Cinchona) zu kultivieren.

Transportprobleme
 
Samen, Rhizome, Wurzelknollen und Zwiebeln stellten für den Transport kein Problem dar. Ware aus den Tropen mussten auf den Decks der Schiffe transportiert werden, damit Pflanze ausreichend Licht erhält. Dies barg aber die Schwierigkeit der salzhaltigen Gischt und der unterschiedlichen Temperaturen. Das Abwischen der Blätter vom Salz und das Unterstellen der Pflanzen bei tiefen Temperaturen brachten keinen großen Erfolg. Nur eine von hundert Pflanzen überlebte diese Seereisen. Vielfach war die Neugier und das Gewinnstreben der Antrieb für neue Expeditionen. Es wurden sogar „Erholungsgärten“ eingerichtet. So auf der Strecke Asien-England auf St. Helena. Man versuchte die Pflanzen hier aufzupäppeln, bevor sie den zweiten Teil der Reise antraten. Nathaniel Ward (Arzt und spätberufener Botaniker) kam 1833 auf die innovative Idee, dass Pflanzen in einem geschlossenen System länger überleben können. Ward baute eine verglaste Transportkiste und sandte britische Farne und Gräser auf eine sechsmonatige Reise nach Australien, auf dem Rückweg wurden australische Arten transportiert. Beide Lieferungen trafen in einem sehr guten Zustand ein. Der Ward‘sche Kasten wurde eine Erfolgsgeschichte.

• Robert Fortune schmuggelte 20.000 Teepflanzen aus Shanghai nach Amerika und Indien
• Der Transport von Kautschukpflanzen über Kew Garden nach Ceylon und Malaysia
• Transport des Chinarindenbaumes von Südamerika nach Java (Haßkarl )
• Transport der chinesischen Banane Musa cavendishii

Ward bot seine Erfindung den Import- und Handelsgärtnereien an und verzeichnete große Verkaufserfolge. Die Hauptkulturflächen für den Chinarindenbaum lagen später in den Kolonien auf Ceylon, in Sikkim, rund um Madras und in den Nilgiri-Bergen (Ausläufer der Westghats) in Südindien bei Ooty = Udagamandalam.

Nutzung als Arzneimittel
  
Queen Victoria (1819 – 1901) herrschte in ihrer Zeit als Regentin über ein Weltreich, viele Länder wurden kolonialisiert. So unterwarf die britische East Indian Trading Company zu dieser Zeit auch das malariaverseuchte Indien (1855). 1880 entdeckte der französische Militärarzt Alphonse Laveran, dass Patienten die an Malaria gestorben waren, kleine Parasiten im Blut hatten. Der englische Militärarzt Ronald Ross deckte alle Zusammenhänge der Krankheit auf. Für diese Entdeckungen erhielt Ross 1902 den Nobelpreis für Medizin. Alle Soldaten in den tropischen Ländern waren auf Chinin angewiesen; allein in Indien lag der Verbrauch der Armee bei sagenhaften 750 Tonnen jährlich. Da die Rinde des Chinarindenbaums sehr bitter schmeckt, versuchten die Kolonialisten den Geschmack durch Zucker- und Wasserzugaben zu verbessern. Wer nun die geniale Idee hatte, den Geschmack von Chinin mit Gin zu überdecken, ist nicht überliefert. Gin war billig, es gab ihn mit allerlei Geschmacksrichtungen und siehe da, nun klappte es auch mit der medizinischen Vorsorge für die Soldaten. Die tropischen Kolonien (Indien) wurden aufgegeben, die Soldaten zogen ab, der Longdrink „Gin Tonic“ blieb bis heute. Gin hat seinen Ursprung in Holland. Alles Neue und Moderne fand den Weg nach Britannien, so auch der holländische Wachholderschnaps Genever. Genever wurde in Britannien in Gin umbenannt. Man sollte nun nicht glauben, dass mit den heutigen Tonic Wassern (+ Gin) eine Malariaprophylaxe zu erreichen sei. Die Dosierung ist in den Wassern nicht hoch genug.

Ulrich Rösemann, Mai 2015

 

Quellenverzeichnis:
„Das Herbarium der Entdecker“- Humboldt, Darwin & Co.-Botanische Forscher und ihre Reisen, Florence Thinard, Haupt Verlag, 2013;
„Die großen Naturforscher“- von Aristoteles bis Darwin, Robert Huxley, Frederking & Thaler2007;
„Tropische Paradiese“- Botanische Gärten in den Kolonien, Catherine Donzel, Gerstenberg Verlag 2008;
„Matrosen sind keine Gärtner“ in drei Teilen, mare No. 81, 2010;
„Urania Pflanzenreich“ Blütenpflanzen 2, Urania Verlag 1994;
„Fünf Pflanzen verändern die Welt“ Henry Hobhouse, Klett Cotta 1985;
„Geschichte der Botanik-Leben und Leistung großer Botaniker“, Karl Mägdefrau, Gustav Fischer 1992;
Website des BGBM Berlin 2015;
„Alexander von Humboldt – Mein vielbewegtes Leben“, Frank Holl, Eichborn Verlag Berlin 2009;
„Klostermedizin“, Birgit Frohn, dtv 2001;

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